Der Fall Küblböck - Schauspielunterricht ist kein Therapie-Ersatz

Der Fall Küblböck - Schauspielunterricht ist kein Therapie-Ersatz

Der Lehrer meiner Schule, die ich zwischen 1989 und 91 in New York besuchte, schrieb folgenden Satz auf die erste Seite seines Buches: “Ich wünschte, die Bühne wäre so schmal wie ein Drahtseil, sodass sich nur wahre Künstler auf ihr bewegen könnten.” Schauspielschulen sind genau dafür da: Um Menschen in einer der schwersten Disziplinen auszubilden, die es gibt: Der authentischen und dramatischen Darstellung menschlichen Verhaltens und Beziehungen.


In unserem alltäglichen Leben müssen wir uns so oft den Gegebenheiten anpassen, sind solchen Zwängen ausgesetzt, dass wir Abends auf der das Besondere, das Dramatische, höchste Glücksgefühle und echtes, authentisches Absteigen in den dunklen Keller der Seele erleben möchten. Dazu ist Theater da. Nur im Schauspiel gibt es Workshops mit dem Titel “Die mühelose Reise in die Hölle” und nur im Schauspiel löst dieser Titel bei potentiellen Teilnehmern einen Reiz aus. Nur ein Schauspielcoach würde dir raten: “Stell dir vor du stehst deinem ärgsten Feind gegenüber, reißt ihm den Brustkorb auf, nimmst sein Herz heraus, guckst ihm in die Augen und zerquetscht es wie eine Coladose. Und genau so guckst du dann in die Kamera!”

Das entzünden einer Flamme

Um solch eine Intensität immer zu durchleben und die Präsenz zu haben, von einer Bühne herab mit dem Publikum in Kontakt zu kommen, bedarf es einer intensiven Ausbildung. Der Kern der Ausbildung liegt im Ausloten der eigenen emotionalen Möglichkeiten und im Zulassen von Gefühlen und Impulsen. Und nicht immer sind diese Erfahrungen schön. Schauspiellehrer haben den wundervollsten Job der Welt, aber müssen sich auch jeden Tag der Herausforderung stellen die Schüler an die Grenzen ihrer Belastbarkeit heranzuführen und das Scheitern zum Grundprinzip des Lernens zu erheben.

Nur in der Schauspielausbildung gehört Scheitern zum Kern, ist der Konflikt erwünscht und es geht nicht darum mit ihm gut umzugehen, sondern ihn auszuleben.

Um eine Flamme zu entzünden muss man Reibung erzeugen. Nicht immer gehen Lehrer sensibel mit den eigenen Ängsten um. Ich war zum Zeitpunkt meiner Ausbildung bereits 3 Jahre im Geschäft und der einzige in der Klasse, der auf professionellem Niveau gearbeitet hatte. In der Ausbildung zählt das aber alles nichts. Trotz der ganzen Erfahrung musste auch ich mit Sätzen wie “Das kannst du in Deutschland machen, aber hier hat dein Schwachsinn keinen Platz”, “Du raubst nicht nur mir die Zeit, sondern der ganze Klasse” nach Hause gehen und die Dinge für mich verarbeiten.

Es versteht sich eigentlich von selbst, das Menschen über eine ausgeglichene Persönlichkeit verfügen sollten, um sich dieser Herausforderung zu stellen. Oft aber merkt man aber als Lehrer, das die unsicheren, die flatterhaften, die unausgeglichenen, die unvernünftigen, die kapriziösen zu den größten Talenten im Klassenverbund zählen. Die, die oft scheitern, die ständig am Rand ihrer selbst balancieren und mit sich und der Welt so garnicht zurecht zu kommen scheinen, üben eine solche Faszination und Strahlkraft aus, das man sich ihrer kaum entziehen kann. Die beste Voraussetzung um ein guter Schauspieler zu werden? Eine schwierige Kindheit, sagte mein Lehrer einmal zu mir.

Einer unter vielen - Das Los der Spieler

Im Schauspiel gibt es ein Überangebot an Arbeitswilligen und einen Mangel an Jobs. Das ist keine ideale Umgebung für zartbesaitete Menschen. Es gibt wahrscheinlich wenige Gruppen die grausamer sind als eine Schauspielklasse. Teamsport durchgeführt von Egomanen, so kommt man sich unter Kollegen oder im Ensemble oft vor. Zwar habe ich mit meinen Klassenkameraden tolle Momente erlebt, aber der Wettbewerb innerhalb einer Schauspielklasse ist schon brutal.
Es ist diese Ausbildung und das Ausloten persönlicher Grenzen, die die Aufgabe einer Schauspielschule darstellen.

Egal ob Whitney Houston, Michael Jackson, Britney Spears: Die Liste prominenter Persönlichkeiten, die irgendwann “explodierten” ist lang.

Auch ich verfolgte Daniel Küblböck 2003 in der Staffel von DSDS und ich erlebte ihn als eine eigene und charismatische Persönlichkeit, die sehr schnell aus dem Einheitsbrei der Show heraus stach. Im weiteren Verlauf seiner Karriere, und auch schon bei DSDS wurde aber auch klar, das Küblböck einen Preis für seinen Fame zahlen muss.
Ich selber machte die Erfahrung zum Beginn meiner Karriere, als auch ich nach Außen hin als sehr erfolgreich galt, innerlich aber mit starken Selbstzweifeln und Ängsten zu kämpfen hatte. Sehr schnell findet man sich in einer Maschine wieder, die letztendlich von einem verlangt zu funktionieren und viel vom Erfolg für sich beansprucht. Ob in Hollywood oder Berlin ist dabei egal, das Prinzip ist das gleiche. Auch Daniel Küblböck machte auf mich den Eindruck eines innerlich stark zerrissenen Menschen, der einerseits den Rummel um seine Person genoss, aber auch gute Miene zum bösen Spiel machte. Diesen Spagat zwischen öffentlicher Person und dem Handwerk des Schauspiels zu schaffen, ist nicht immer einfach, denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Schauspielunterricht ist kein Therapie-Ersatz

Daniel Küblböck setzte seinem Leben (wahrscheinlich) ein Ende, und er tat es in höchstdramatischer Weise: Indem er auf offener See ins Meer ging. Im Zuge der Aufarbeitung durch die Boulevardpresse geriet auch die Schauspielschule, die Küblböck im letzten Jahr besuchte, auf den Radar der einschlägigen Presse. Ich kenne sowohl mehrere Absolventen der Schule und mietete dort auch über den Zeitraum von 1 1/2 Jahren Proberäume um meine Workshops durchzuführen. Die ETI ist eine private Schauspielschule, die im Berliner Raum ein gutes Ansehen geniesst. Der Leiter der ETI ist ein Mann, der eher sein Privatkonto plündert, als das Bestehen der chronisch unterfinanzierten Schule zu gefährden. An dieser, wie auch an anderen Schulen, arbeiten die Menschen nicht um reich zu werden, sondern sie haben sich bewusst für diesen Weg entschieden. Es ist vielleicht nicht der lukrativste Weg, aber für sie der einzige. Eine Schauspielschule ist insofern schon ein Ort, an dem alles geht, an dem alles erlaubt, an dem Grenzen verschoben werden und das unaussprechbare ausgesprochen wird. Es ist aber keine Ort, an dem unausgelebte Transsexualität Wirklichkeit wird. Das ist ein Prozess, der psychologische Betreuung bedarf. Im Schauspiel geht es nur um das Wie, nicht um das Warum, es wird Verhalten instrumentalisiert nicht reflektiert.

Die letzten Tage haben gezeigt, was passiert, wenn Menschen mit fragwürdiger Überzeugung und niederen menschlichen Motiven eine Welt beurteilen, von der sie keine Ahnung haben. Einer Welt in der, im Gegensatz zu den Redaktionen der Boulevard-Presse, nur an einem gearbeitet wird: Am erforschen der eigenen Wahrhaftigkeit.

Diese Tatsache ist nicht neu: Der Spruch, der in meiner Schule hin, war nicht von meinem Lehrer Sanford Meisner. Er war von Johann Wolfgang von Goethe.